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"Mensch Gott!": Biermann schaut auf seinen Glauben

Verantwortlicher Autor: Michael Scheuermann Frankfurt am Main , 26.12.2021, 15:05 Uhr
Presse-Ressort von: Michael Scheuermann Bericht 4291x gelesen

Frankfurt am Main [ENA] Unter dem Buchtitel "Mensch Gott!" gibt der Liedermacher mit Liedern und Texten aus sechs Jahrzehnten den leidenschaftlichen Gottsucher. Das Buch zeichnet mit singbaren Gedichten und Liedern sowie Glaubensinhalten genau den „spirituellen Weg“ nach, der ihn schwach und stark gemacht hat: den Kommunismus, die beiden christlichen Religionen und das Judentum - „meine Jüdischkajten“ wie er diese Phase apostrophiert.

Die erste Phase war geprägt von den mehr und mehr eskalierenden Streitbarkeiten mit den doktrinären Exponenten des ostdeutschen politischen Systems. Sein Poem "Mein Kreuz" verweist sinnenfälig darauf hin: „Und im Publikum, ihr Herren / Sitzt auf nummerierten Sitzen / Blutgeil glotzt ihr und ihr wartet / Wenn im deutschen Doppelzirkus / Meine Todesnummer startet... Unsere Genossen Führer / Haben tausendfach verschiedne / Stricke, damit sie uns binden / Orden, Geld und Auslandsreisen / Wettbewerb zum Leuteschinden / Strafen Rügen Lügen Hetze / Zuchthaus Terror alle Touren / Und so machen sie die Musen / Zu Gefang’nen und zu Huren.“

Ebenso hart höhnte er im Text " Ballade zur Beachtung der Begleitumstände beim Tode von Despoten": „Wenn endlich ein Despot / Erschlagen ist und tot / Dann muss man auch sofort / Sofort am selben Ort / Mit Nadel und mit Faden / Sein A* fest verschnürn / Vernähen und verriegeln / Verklammern und heiß bügeln / Verrammeln ganz und gar / Vernieten und verlöten / Schön luft- und wasserdicht...../ Dann nimmt man schnell den toten / Versiegelten Despoten / Und legt ihn tief ins Grab.... / Damit nicht auferstehn / Die Heuchler und die Kriecher / Die mit dem Schnüffelriecher / Die Sesselfurzer, Laffen / Die Bonzen und die Pfaffen / Die Spitzel und die Henker / Die Dichter auch und Denker / Die mit dem Heilgenschein / Gekrochen tief hinein.“

Gedichte dieser Art brachten Biermann ein totales Auftritts- und Publikationsverbot. Elf Jahre später, nach einem Auftritt in Köln, bürgerten die DDR-Behörden den für sie unliebsamen Prediger eines "wahren Sozialismus" kurzerhand aus. Die Folgejahrzehnte in der zweiten und dritten Phase in der BRD brachten bei Biermann eine religöse Fokussierung und ästhetische Differenzierung, die durch Luther und Bach geprägt war sowie durch die Beschäftigung mit den alttestamentlichen Patriarchen (Adam, David und Goliath sowie Abrahams Söhne) und Topthemen des Neuen Testaments – etwa die Auferstehung Jesu.

Wenn sich das theologische Bodenpersonal - evangelische Pfarrer, etwa bei einem Besuch - so gar nicht von der Stelle bewegte und etwa an der Auferstehung zweifelte, konnte es leicht passieren, dass er die Pastoren zurechtwies. „Ich geriet in einen gedämpften Wutanfall über diese Menschen. Denn die Auferstehung ist der wichtigste Teil der Leidensgeschichte. Wer die Auferstehung preisgibt, der ist von allen guten Geistern verlassen – weil sie die Form des Protests gegen den Tod ist.“ Diese Begebenheit des Pastorenbesuches war Biermann immerhin so wichtig, sie in sein neuestes Buch aufzunehmen. Zum Buch: Wolf Biermann: Mensch Gott!, Suhrkamp Verlag Berlin 2021, 22 Euro

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