Mittwoch, 30.11.2022 17:15 Uhr

Von tiefsten und tiefen Rissen – LiteraTurm - Festival

Verantwortlicher Autor: Michael Scheuermann Frankfurt / RheinMain, 27.06.2022, 19:28 Uhr
Presse-Ressort von: Michael Scheuermann Bericht 4974x gelesen

Frankfurt / RheinMain [ENA] Eine Reihe prominenter AutorInnen mit Fokus auf die Literatur Mittel- und Osteuropas gäben dem diesjährigen Programm eine neue Richtung. Es stünden zwar – so Leiterin Vandenrath – die Sujets im Zeichen der Ukraine. Allerdings seien auch andere grundlegende Fragen zu klären, die die Westeuropa-Gesellschaften umtrieben – so der Fall der Mauer, der strittige Diskurs der Geschlechter und der Einordnung des Holocaust.

Die Mittel-Ost-Europa-SchriftstellerInnen machen ihre privaten und kollektiven Biographien zum farbigen Ausgangspunkt ihrer Erfahrungen: So die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, die in Wien lebt und die der Krieg in ihrer Heimat in einen Abgrund schauen lässt. Tanja Maljartschuk wurde 2018 mit dem Ingeborg Bachmann - Preis ausgezeichnet; sie schreibt regelmäßig für die „Deutsche Welle (Ukraine)“ und „Zeit Online“. Große Präsenz beim LiteraTurm 22 zeigt der russische Schriftsteller und Dissident Viktor Jerofejew, der unter dem Arbeitstitel „Der große Gopnik“ aktuell an einem Buch über Wladimir Putin schreibt. Jerofejew ist mittlerweile weltbekannt durch seinen Roman „Die Moskauer Schönheit“ (S. Fischer).

Der in Moskau geborene Schriftsteller ist ein scharfer Kritiker des russischen Regimes und von Präsident Putin. In seinen Büchern setzt sich der Schriftsteller immer wieder mit der kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Situation Russlands auseinander. Aktuell lebt Jerofejew im Exil und schreibt an einer Fortsetzung seines autobiografischen Romans „Der gute Stalin“, 2004 erschienen und 2021 von Matthes & Seitz in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung neu aufgelegt. Der Westen, so der Ivan Krastev in einem Spiegel-Interview, verdanke Putin Solidarität und Resilienz. Ob damit auch der Riss zwischen Ost- und Westeuropa gekittet werden könne sei eine der zentralen Fragen zu Europa im Schatten des Krieges.

Krastev erklärt mit seiner These von der „Nachahmungsvergiftung“, warum in Ländern, die vor 30 Jahren quasi über Nacht Demokratie und Marktwirtschaft eingeführt haben, nun allerdings Rechtspopulisten an der Macht seien. Ein Krimi über neonazistische Umtriebe in der ostdeutschen Provinz, legt László Krasznahorkai vor – sperriger Titel: „Was ist Herscht 07769“. Es ist eine moderne Variation über das Zusammenspiel von Herr und Knecht. Auch ist es eine Heiligenlegende und eine Hommage an die Musik von Johann Sebastian Bach (S. Fischer). 2015 wurde Krasznahorkai der International Man Booker Prize verliehen, 2021 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur.

Ein Literaturfestival kommt heute schwer ohne den Minsker Schriftsteller Sasha Filipenko aus. Er beschreibt nicht nur Belarus, sondern auch Russland als Land in Putins Klauen, Titel: „Die Jagd“ (Diogenes). Weil Filipenkos Roman auch hellsichtige Bestandsaufnahme der russischen Verhältnisse ist, ist Filipenko selbst ins Visier der Obrigkeit geraten. Das 11 Literaturfestival FrankfurtRheinMain „LiteraTurm“ findet vom 27.6.2022 – 3.7.2022 in Frankfurts Skyscrabern statt – Programm im Netz: https://literaturm.de/programm/

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